Warum Material und Hund zum Klientel passen müssen
In der tiergestützten Arbeit gibt es eine erstaunlich einfache Frage, die trotzdem leicht untergeht: Für wen mache ich das eigentlich?
Ein Material kann auf den ersten Blick wunderbar geeignet sein. Es ist bunt, lässt sich gut mit dem Hund kombinieren und bietet zahlreiche Möglichkeiten für Beschäftigung. Trotzdem kann es für die jeweilige Zielgruppe völlig unpassend sein. Das Gleiche gilt für den Hund. Nicht jeder Therapiebegleithund passt zu jedem Einsatzbereich. Entscheidend ist nicht nur, was ein Hund gelernt hat. Entscheidend ist auch, wie er mit der jeweiligen Situation umgeht und welche Art von Kontakt ihm liegt.
Nicht jeder Hund passt zu jeder Aufgabe
In meiner eigenen Arbeit erlebe ich immer wieder, wie unterschiedlich meine Hunde sind.
Ronja arbeitet beispielsweise sehr schön mit Menschen, die Angst vor Hunden haben. Sie kann vorsichtig Kontakt aufnehmen und gibt dem Menschen die Möglichkeit, sich langsam auf sie einzulassen. Für die Arbeit in einer Einrichtung ist sie trotzdem nicht geeignet. Ihre Vorgeschichte spielt dabei eine Rolle. Situationen und Stimmungen, die für andere Hunde gut auszuhalten sind, können für sie eine andere Bedeutung haben.
Bruno hat längere Zeit im Hospiz gearbeitet. Er kann diese besondere Atmosphäre gut aushalten und muss dort nicht ständig „etwas machen“. Seine Stärke liegt auch darin, einfach da sein zu können.
Gismo wiederum ist im Seniorenheim häufig genau richtig. Er darf dort ein bisschen der Kasperkopf sein. Er bewegt sich gerne, bringt Menschen zum Lachen und kann sein sportliches Wesen ausleben. Gleichzeitig belastet ihn die teilweise depressive Stimmung in einer solchen Einrichtung nicht in dem Maß, wie es bei einem anderen Hund der Fall sein könnte.
Das bedeutet nicht, dass einer dieser Hunde „besser“ oder „schlechter“ geeignet ist. Sie haben unterschiedliche Stärken und unterschiedliche Grenzen.
Für Therapiebegleithunde-Teams bedeutet das: Die Frage sollte nicht nur lauten, was mein Hund kann. Sie sollte auch lauten, für welche Menschen und welche Situationen seine Eigenschaften tatsächlich passend sind.
Die internationalen Empfehlungen der IAHAIO betonen ebenfalls, dass bei tiergestützten Angeboten sowohl die Qualität des Einsatzes als auch das Wohlergehen des beteiligten Tieres berücksichtigt werden müssen. Die Anforderungen unterscheiden sich dabei je nach Setting und Zielgruppe.
Auch beim Material gibt es kein „passt immer“
Wenn wir über tiergestützte Arbeit im Seniorenheim sprechen, wird schnell eine Sammlung von Materialien daraus: Karten, Spiele, Bälle, Würfel, Bilder, Stoffe oder Gegenstände aus dem Alltag.
Viel Material zu besitzen bedeutet allerdings nicht automatisch, gute Angebote machen zu können.
Gerade im Seniorenheim sollte zunächst überlegt werden, welche Menschen tatsächlich an der Einheit teilnehmen. Häufig handelt es sich nicht um eine homogene Gruppe. Menschen mit unterschiedlichen körperlichen, kognitiven und emotionalen Voraussetzungen sitzen gemeinsam am Tisch. Was für eine Person genau richtig ist, kann für eine andere bereits zu kompliziert sein.
Deshalb achte ich beispielsweise darauf, dass Materialien möglichst einfach zugänglich sind, ohne langweilig zu werden. Niemand sollte das Gefühl bekommen, eine Aufgabe nicht bewältigen zu können.
Das ist besonders bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen wichtig. Wenn beispielsweise die Handlungsplanung erschwert ist, kann eine scheinbar einfache Aufgabe plötzlich sehr anspruchsvoll werden.
Die Person muss dann nicht nur mit dem Material umgehen, sondern gleichzeitig überlegen: Was soll ich tun? Was kommt als Nächstes? Wie funktioniert das?
Für mich gehört deshalb zu einer guten tiergestützten Einheit auch die Frage: Kann hier wirklich jeder mitmachen, ohne dass jemand vorgeführt wird?
Personenzentrierte Ansätze in der Arbeit mit älteren Menschen und Menschen mit Demenz stellen genau diese Perspektive in den Mittelpunkt. Die WHO betont unter anderem die Bedeutung von Autonomie, Würde, individuellen Bedürfnissen und persönlichen Vorlieben.

Sensorik darf mehr sein als ein nettes Extra
Gerade bei älteren Menschen finde ich Materialien interessant, die unterschiedliche Sinneserfahrungen ermöglichen.
Deshalb arbeite ich gerne mit Naturmaterialien und verschiedenen Oberflächen. Holz fühlt sich anders an als Stoff. Eine glatte Oberfläche anders als eine raue. Ein leichter Gegenstand anders als ein schwerer.
Solche Unterschiede können Gesprächsanlässe schaffen und Erinnerungen wecken. Gleichzeitig ermöglichen sie Erfahrungen, die nicht nur über Sprache und Denken funktionieren.
Dabei muss das Material nicht möglichst bunt und auffällig sein. Im Gegenteil: Gerade im Seniorenheim kann ein zu hoher Aufforderungscharakter schnell dazu führen, dass die eigentliche Aufgabe in den Hintergrund rückt.
Das Material soll unterstützen. Es muss nicht selbst die Hauptrolle übernehmen.
Auch die WHO empfiehlt im Zusammenhang mit kognitiven Einschränkungen, vertraute Gegenstände und Materialien einzusetzen, um Kommunikation und Erinnerungen zu unterstützen, und Aktivitäten möglichst einfach und verständlich zu gestalten.
Seniorenheim ist nicht Ergotherapiepraxis
Ein wichtiger Unterschied liegt für mich außerdem im Ziel der Einheit.
Wenn ich mit einem Hund in einer ergotherapeutischen Praxis arbeite, gibt es normalerweise ein konkretes therapeutisches Ziel. Dieses Ziel wird gemeinsam mit dem Patienten festgelegt und die Einheit entsprechend geplant.
Im Seniorenheim kann der Schwerpunkt ein anderer sein.
Natürlich will ich auch dort Fähigkeiten fördern und erhalten, aber nicht jede Begegnung mit dem Hund muss eine versteckte Fördermaßnahme sein.
Für mich ist das ein wichtiger Punkt: Lebensqualität darf auch einmal vor Förderung stehen.
Eine Bewohnerin muss nicht jedes Mal eine kognitive Leistung erbringen, wenn der Hund kommt. Manchmal reicht es, gemeinsam zu lachen. Manchmal ist es wichtig, einen Hund zu streicheln. Manchmal entsteht ein Gespräch, weil der Hund an einem Schuh schnuppert. Und manchmal sitzt ein Mensch einfach zehn Minuten da und genießt die Nähe.
Das bedeutet nicht, dass keine Ziele vorhanden sind. Sie können nur weniger offensichtlich sein.
Ein sicherer Ort zum Ausprobieren
Ich verstehe tiergestützte Arbeit im Seniorenheim deshalb als einen Ort, an dem Menschen sich ausprobieren dürfen.
Niemand muss eine Aufgabe perfekt lösen. Niemand muss besonders schnell sein. Niemand muss zeigen, dass er etwas noch kann.
Das ist gerade bei Menschen mit Demenz oder anderen Einschränkungen wichtig. Eine Aktivität sollte nicht dazu führen, dass jemand ständig mit seinen Defiziten konfrontiert wird.
Der Hund kann dabei eine besondere Rolle einnehmen. Er bewertet nicht, ob jemand eine Aufgabe richtig ausgeführt hat. Er weiß nicht, ob eine Linie gerade ist oder ob jemand eine Karte richtig zugeordnet hat.
Er ist einfach da.
Genau darin liegt für mich ein großer Wert tiergestützter Arbeit.

Erst der Mensch, dann das Material
Die Auswahl von Material beginnt deshalb nicht mit der Frage: „Was habe ich in meiner Tasche?“
Sie beginnt mit der Frage: Wer sitzt mir gegenüber?
Welche Fähigkeiten und Einschränkungen bringt diese Gruppe mit? Welche Erfahrungen haben die Menschen? Was könnte ihnen Freude machen? Was könnte sie überfordern? Welche Materialien sind hygienisch und praktisch einsetzbar? Und welche Aufgabe kann mein Hund dabei übernehmen, ohne dass er selbst zum Werkzeug gemacht wird?
Erst danach kommt die Materialauswahl.
Das gilt übrigens nicht nur für Senioren. Auch Kinder, Menschen mit psychischen Erkrankungen, Menschen mit Angst vor Hunden oder Patienten in einer therapeutischen Praxis bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit.
Was bei Kindern wunderbar funktioniert, kann für ältere Menschen zu kindlich wirken. Was in der Ergotherapie sinnvoll ist, kann im Seniorenheim unnötig leistungsorientiert sein. Und was für einen Hund eine tolle Aufgabe ist, kann für einen anderen bereits zu viel Belastung bedeuten.
Gutes Material ist deshalb nicht unbedingt das schönste, bunteste oder kreativste Material. Es ist das Material, das zu den Menschen, zum Ziel der Einheit, zum Setting und zum Hund passt.
