Heute war der Koala-Wesenstest. Für die Auszubildenden zum Therapiebegleithundeteam immer ein ganz besonderes Erlebnis. Ohne genaue Vorstellung davon, was Mensch und Hund erwartet, ging es durch Kronach und schließlich durch verschiedene, anspruchsvolle Situationen.
Der letzte große Test, bevor es in die Praxiseinsätze geht.
Stress? Ja, klar. Bei Hund und Mensch.
War mir als Mentor heute besonders aufgefallen ist: Einige Teams kamen relativ entspannt durch den Test. Bei anderen war deutlich zu sehen, wie angespannt sie waren. Ein harter Zug um den Mund, viel Konzentration, viel Druck.
Und manchmal wurde an Kleinigkeiten herumgekriddelt, die für mich gar nicht das Entscheidende waren.
Leinenführigkeit zum Beispiel.
Gerade junge Hunde tun sich in Ausnahmesituationen schwer damit, mit ihrem Menschen in Kontakt zu bleiben. Sie sind aufgeregt, müssen viele neue Reize verarbeiten und wissen vielleicht selbst gerade nicht so genau, was eigentlich von ihnen erwartet wird.
Sie wollen, aber können gerade nicht.
Es geht nicht darum, perfekt zu funktionieren
Für mich geht es im Wesenstest nicht darum, dass ein Hund perfekt leinenführig neben seinem Menschen läuft.
Es geht vielmehr darum, wie Mensch und Hund miteinander umgehen.
Was macht der Mensch, wenn sein Hund unsicher wird?
Kann er die Situation einschätzen?
Kann er seinen Hund auffangen?
Kann er selbst einen klaren Kopf behalten?
Denn genau das wird später in der Arbeit wichtig sein.
Wir können nicht verhindern, dass unser Hund irgendwann in eine Situation kommt, die ihn stresst. Im Gegenteil: In der tiergestützten Arbeit begegnen unseren Hunden immer wieder Menschen, Situationen und Verhaltensweisen, die sie so vielleicht noch nicht erlebt haben. Übergriffige Kollegen, ungeplanter Arbeitsaufwand, unerwartete Situationen.
Und unser Hund? Der reagiert natürlich. Weil er ein Hund ist. Und der eine mit sichtbarem und hörbarem Stress, ein anderer eher mit Rückzug. Es gibt keinen Hund, der niemals reagiert. Darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, dass Mensch und Hund solche Situationen gemeinsam bewältigen können.
Der Stress gehört dazu
Natürlich steht beim Wesenstest auch das Stresssystem von Hund und Mensch ein Stück weit auf dem Prüfstand.
Ein spannender Bereich.
Denn Druck wirkt sich direkt auf den Hund aus. Er spürt, wenn wir angespannt sind. Er spürt, wenn wir innerlich nur noch denken: Das muss jetzt funktionieren.
Es wundert nicht, wenn der Hund dann nervös wird, Übersprungshandlungen zeigt oder bellt. Denn nicht nur die Außenreize spielen eine Rolle, wenn es in den Wesenstest geht – auch die Stimmung des Hundeführers spielt eine zentrale Rolle. Stimmungsübertragung wirkt. In die eine, aber auch in die andere Richtung, also in den Stress oder in die Entspannung hinein.
Wenn ich selbst aufgeregt bin, kann ich nicht erwarten, dass mein Hund völlig cool neben mir steht.
Dazu kommen die Reize, denen wir unsere Hunde aussetzen: unbekannte Menschen, ungewohnte Situationen, seltsame Bewegungen oder Verhaltensweisen.
Eine stressige Situation darf für einen Hund stressig sein.
Die entscheidende Frage ist dabei: Was mache ich jetzt damit?
Durchatmen statt zusätzlichen Druck machen
Manchmal wäre weniger tatsächlich mehr.
Nicht noch mehr Druck auf die Leine geben. Nicht noch hektischer korrigieren. Nicht verzweifelt versuchen, dem Hund zu vermitteln, dass er sich jetzt bitte zusammenreißen soll. Sondern erst einmal durchatmen. Der kühle Kopf des Hundeführers ist essentiell, damit der Hund einen kühlen Kopf bewahren kann. Und dann handeln:
Ist es gut, meinen Hund jetzt hinter mich zu bringen, um ihm Schutz zu vermitteln? Oder braucht er jetzt das neugierige Abschnüffeln der fremden Person? Will ich jetzt Abstand in die Situation bringen? Braucht er im Anschluss ein lockeres, kleines Spiel mit mir oder lieber eine ausgiebige Kuscheleinheit? Wie stolz bin ich auf meinen Hund, wenn wir schwierige Situationen gemeistert haben?
So kann ich meinem Hund helfen, wieder herunterzufahren.
Mit dem, was meinem Hund in diesem Moment tatsächlich guttut.
Das sieht bei jedem Hund ein bisschen anders aus.
Wir brauchen keine perfekten Hunde
Gerade in der Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam begegnet mir immer wieder dieser Anspruch, alles richtig machen zu wollen.
Der Hund soll funktionieren: Mit lockerer Leine, guter Laune durch jede Übung und zu jedem Menschen. Kein Bellen, keine Flucht und stets ansprechbar. Die Übung soll klappen.
Natürlich müssen bestimmte Grundlagen vorhanden sein. Ein Hund, der Menschen gefährdet oder beschädigend nach vorne geht, kann nicht in der tiergestützten Arbeit eingesetzt werden. Aber zwischen „mein Hund darf nicht gefährlich werden“ und „mein Hund muss in jeder Situation perfekt funktionieren“ liegt ein ziemlich großer Raum.
Und genau in diesem Raum findet für mich die eigentliche Arbeit statt. Wo du beweisen kannst, dass du vertrauenswürdig bist, die Situation im Griff hast und dich nicht von eigenen Gefühlen oder denen deines Hundes übermannen lässt.
Das ist für mich eine viel wichtigere Fähigkeit als eine perfekte Leinenführigkeit in einem einzelnen Moment.
Und wenn der Stress dich schon überrollt hat?
Wenn ich Menschen mit ihren Hunden in solchen Stresssituationen sehe, würde ich manchmal am liebsten einfach hingehen. Die Hände auf die Schultern legen.
„Komm erst einmal runter“, würde ich sagen.
Nicht als Kritik. Sondern als Einladung.
Einmal durchatmen.
Den Boden unter den Füßen spüren.
Den Hund anschauen.
Und dann gemeinsam weitermachen.
Denn unser Hund braucht in solchen Momenten nicht noch mehr Druck von uns.
Er braucht uns in unserer Klarheit und Präsenz.
Weniger Perfektion, mehr miteinander
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung in der Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam:
Nicht alles perfekt machen zu wollen und sich zu viel Druck zu machen.
Sondern zu lernen, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn etwas gerade so überhaupt nicht perfekt läuft.
Der Wesenstest darf anspruchsvoll sein. Er darf zeigen, wo ein Team noch wachsen kann. Und natürlich gibt es Dinge, die für die spätere Arbeit wichtig sind und die sitzen müssen.
Aber ein einzelner schwieriger Moment macht noch kein schlechtes Team. Und ein perfekt ausgeführtes Verhalten macht noch kein gutes Team. Am Ende geht es um Beziehung, Vertrauen, Kommunikation und die Fähigkeit, sich gegenseitig durch Situationen zu begleiten. Genau das, was wir in der Arbeit dann auch brauchen:
Weniger Perfektion. Mehr miteinander.
Ich freue mich schon, meine Kleingruppe in die Praxiseinsätze zu begleiten, denn das wird (nach ein paar Theorieeinheiten) der nächste Step in der Ausbildung sein.
