Es gibt unglaublich viele schöne Materialien für die tiergestützte Arbeit. Spiele, Fühlmaterialien, Bilder, kreative Angebote und jede Menge Ideen, die sich mit Hund umsetzen lassen. Vieles davon ist liebevoll gestaltet, manches speziell für die Arbeit mit älteren Menschen entwickelt. Und trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Passt das eigentlich zu den Menschen, mit denen ich arbeite?
Genau darum ging es in meinem Seminar „Zu klein, zu kindlich und zu kitschig – tiergestützte Einsätze im Seniorenheim“ beim Hundezentrum Emsland und der Manus et Canis Ausbildung.
Wir haben uns mit Materialien beschäftigt, verschiedene Angebote unter die Lupe genommen, ausprobiert, vereinfacht und angepasst. Vor allem aber haben wir uns eine Frage immer wieder gestellt: Wie können wir Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen etwas anbieten, das ihnen Freude macht, sie weder überfordert noch unterfordert und sie als Erwachsene ernst nimmt?
Alt heißt nicht unmündig. Krank heißt nicht unfähig.
Wenn wir mit älteren Menschen arbeiten, begegnen uns ganz unterschiedliche Lebensgeschichten, Persönlichkeiten und Voraussetzungen. Manche Menschen sind körperlich stark eingeschränkt, andere leben mit einer Demenz, haben Schwierigkeiten mit der Orientierung oder können sich sprachlich nicht mehr so ausdrücken wie früher.
Das verändert vieles im Alltag. Aber es verändert nicht automatisch den Menschen, der uns gegenübersitzt.
Alt heißt nicht unmündig. Hilfsbedürftig heißt nicht hilflos. Pflegebedürftig heißt nicht würdelos.
Diese Unterscheidung klingt selbstverständlich. Im Alltag geht sie trotzdem manchmal verloren. Angebote werden sehr kindlich gestaltet, Materialien bunt und niedlich ausgewählt oder Aufgaben so weit vereinfacht, dass vom ursprünglichen Inhalt kaum noch etwas übrig bleibt.
Natürlich können Farben, einfache Formen, vertraute Spiele und spielerische Angebote sinnvoll sein. Es geht ausdrücklich nicht darum, solche Materialien grundsätzlich abzulehnen. Entscheidend ist, für wen wir sie einsetzen und wie wir es tun.
Denn ein erwachsener Mensch bleibt ein erwachsener Mensch. Auch dann, wenn er Hilfe benötigt, eine Erkrankung hat oder bestimmte Dinge nicht mehr selbstständig bewältigen kann.
Seine Einschränkungen verändern seine Möglichkeiten. Sie nehmen ihm aber weder seine Biografie noch seine Persönlichkeit oder seinen Anspruch auf Selbstbestimmung.
Wer sitzt eigentlich vor mir?

Bevor wir überlegen, welches Material wir einsetzen oder welche Aktivität wir mit dem Hund gestalten, sollten wir uns deshalb mit unseren Klienten beschäftigen.
Wer ist dieser Mensch? Wie ist er aufgewachsen? Welche Werte und Einstellungen prägen ihn? Welche Erfahrungen hat er in seinem Leben gemacht? Welche Rolle spielten Familie, Freundschaften und soziale Kontakte? Was hat er beruflich gemacht, welche Hobbys hatte er und welche Routinen gehörten ganz selbstverständlich zu seinem Alltag?
Und dann kommt die Erkrankung dazu.
Vielleicht konnte jemand früher stundenlang im Garten arbeiten, hat regelmäßig Karten gespielt oder war beruflich handwerklich tätig. Vielleicht war jemand immer sehr selbstständig, hat Entscheidungen getroffen und Verantwortung getragen. Durch eine Erkrankung können genau diese Tätigkeiten plötzlich schwierig oder unmöglich werden.
Das bedeutet aber nicht, dass das Interesse daran verschwunden ist. Und es bedeutet auch nicht, dass wir einfach irgendein anderes Angebot darüberlegen sollten, nur weil es sich leichter umsetzen lässt.
Wenn wir die Biografie eines Menschen kennen, bekommen wir Anhaltspunkte dafür, was ihn interessiert, was ihm vertraut ist und woran wir anknüpfen können. Dabei dürfen wir natürlich nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch mit einer bestimmten Biografie automatisch dieselben Interessen hat. Wir müssen hinschauen, beobachten und herausfinden, was für den Einzelnen passt.
Es geht also nicht darum, ein möglichst ausgefallenes Angebot zu entwickeln. Es geht darum, die vorhandenen Fähigkeiten zu erkennen und daraus etwas zu machen, das für den Menschen machbar und sinnvoll ist.
Material ist nicht gleich Material
Für die tiergestützte Arbeit gibt es viele tolle Materialien. Und ich nutze selbst einiges davon. Vieles habe ich im Laufe der Zeit ausprobiert, verändert oder für meine Einsätze angepasst.
Aber ein Material ist nicht automatisch geeignet, nur weil es für Senioren angeboten wird. Genauso wenig ist ein Angebot ungeeignet, nur weil es ursprünglich für einen anderen Zweck entwickelt wurde.
Entscheidend ist, was wir daraus machen.
Im Seminar haben wir deshalb verschiedene Materialien und Beschäftigungsangebote genauer betrachtet. Wir haben überlegt, welche Anforderungen sie eigentlich stellen und was davon im Alltag schnell übersehen wird.
Ein gutes Beispiel dafür war Mensch ärgere dich nicht.
Für einen gesunden, fitten Menschen ist das Spiel meistens unkompliziert. Wir würfeln, erkennen die Augenzahl, zählen die Felder, orientieren uns auf dem Spielbrett und bewegen unsere Figur. Nebenbei behalten wir im Blick, was die anderen Mitspieler machen. Wir verstehen die Regeln und können uns merken, wann wir an der Reihe sind.
Das klingt nach wenig. Tatsächlich kommen dabei aber verschiedene Fähigkeiten zusammen: Sehen, Erkennen, Zählen, Orientierung, Erinnern, Planen und die Koordination von Handbewegungen. Je nach Spielweise und Situation kommen weitere Anforderungen hinzu.
Wenn jemand beispielsweise Probleme mit dem Sehen, der Motorik, der Aufmerksamkeit oder dem Gedächtnis hat, kann aus dem vermeintlich einfachen Spiel eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe werden.
Die Frage lautet dann nicht: Wie erklären wir die Regeln noch einmal lauter oder ausführlicher?
Sondern: Was können wir verändern, damit der Mensch weiterhin mitspielen kann?
Vielleicht braucht es größere Spielfiguren, ein übersichtlicheres Spielfeld, weniger Figuren oder eine angepasste Spielregel. Vielleicht helfen deutlichere Kontraste, mehr Zeit oder Unterstützung bei einzelnen Handlungsschritten.
Wichtig ist, dass wir nicht einfach alles so stark vereinfachen, dass die eigentliche Idee verloren geht. Das Spiel soll möglichst als Mensch ärgere dich nicht erkennbar bleiben. Es darf anders aussehen und anders funktionieren, solange es für den Menschen noch einen Sinn ergibt und er möglichst selbst aktiv sein kann.
Genau dieses Prinzip haben wir im Seminar auf weitere Materialien und Beschäftigungsangebote übertragen. Und natürlich haben wir auch überlegt, wie sich der Hund sinnvoll einbeziehen lässt.

Vergrößern, vereinfachen, anpassen – und den Hund mitdenken
In der tiergestützten Arbeit kommen noch ein paar Besonderheiten dazu. Wir müssen nicht nur überlegen, was der Mensch bewältigen kann, sondern auch, welche Rolle der Hund in dem Angebot übernehmen soll und ob das für ihn überhaupt sinnvoll ist.
Kann der Mensch das Material gut erkennen und erreichen? Kann er es greifen oder bewegen? Versteht er, was er tun soll? Ist die Aufgabe übersichtlich genug? Und was genau macht der Hund dabei?
Manchmal reicht es schon, Material zu vergrößern oder einzelne Handlungsschritte zu reduzieren. An anderer Stelle müssen wir den Ablauf verändern, Hilfsmittel einsetzen oder eine Aufgabe ganz anders gestalten.
Dabei lohnt es sich, auch die eigenen Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Was für uns einfach ist, muss es für einen Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen noch lange nicht sein.
Und umgekehrt: Was auf den ersten Blick sehr einfach aussieht, kann durchaus anspruchsvoll sein, wenn man genauer hinschaut.
Im Seminar ging es deshalb nicht nur ums Zuhören. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden selbst aktiv, haben Materialien ausprobiert, Aufgaben analysiert und eigene Anpassungen entwickelt. Durch diese praktische Arbeit konnten sie erleben, an welchen Stellen Schwierigkeiten entstehen und welche Veränderungen tatsächlich helfen.
Genau das ist mir wichtig. Wir können lange darüber sprechen, wie wir Angebote anpassen sollten. Wenn wir sie selbst ausprobieren und dabei merken, wie viele einzelne Anforderungen in einer scheinbar einfachen Aufgabe stecken, verstehen wir oft noch einmal ganz anders, worauf es ankommt.
Die Ideen und Materialien, die wir dabei entwickelt und verändert haben, sollen nicht als starre Vorlage dienen. Sie sind vielmehr eine Grundlage, um selbst kreativ zu werden und Angebote passend für die eigenen Klienten zu gestalten.
Denn nicht jeder Mensch braucht dasselbe. Und nicht jeder Hund muss bei jeder Aktivität dieselbe Aufgabe übernehmen.
Weniger ist manchmal tatsächlich mehr
Bei all den Möglichkeiten, die uns Materialien und kreative Ideen bieten, dürfen wir eines nicht vergessen: Wir müssen nicht ständig etwas machen.
Gerade in der tiergestützten Arbeit entsteht manchmal der Eindruck, ein Einsatz müsse möglichst abwechslungsreich sein. Der Hund soll etwas zeigen, die Menschen sollen etwas tun, es soll ein Ziel verfolgt werden und am besten gibt es noch ein sichtbares Ergebnis.
Dabei kann ein ruhiger Moment genauso sinnvoll sein wie eine angeleitete Aktivität. Vielleicht möchte jemand den Hund beobachten, sein Fell berühren, wenn der Hund das angenehm findet, oder einfach eine Weile mit ihm zusammensitzen.
Das ist nicht automatisch weniger wertvoll als ein Spiel oder eine gezielte Übung.
Natürlich sollten wir auch solche Situationen nicht pauschal als therapeutisch wirksam bewerten. Die bloße Anwesenheit eines Hundes garantiert weder Entspannung noch Wohlbefinden. Menschen reagieren unterschiedlich auf Tiere, und nicht jeder ältere Mensch mag Hunde. Auch Allergien, Ängste, hygienische Anforderungen und die Bedürfnisse des Hundes müssen berücksichtigt werden.
Wenn die Situation aber für beide Seiten passt, braucht es manchmal gar nicht viel.
Der Hund muss nicht ständig etwas leisten. Der Mensch muss nicht ständig beschäftigt werden. Und wir müssen nicht jede Minute mit einer Aufgabe füllen.
Manchmal besteht unsere Arbeit gerade darin, einen passenden Rahmen zu schaffen, in dem eine Begegnung möglich ist, ohne dass wir sie mit zu vielen Ideen überfrachten.

Was ich aus dem Seminar mitnehme
Für mich lassen sich die Inhalte des Seminars in drei Gedanken zusammenfassen:
1. Angebote müssen nicht kompliziert sein.
Vergrößern, vereinfachen und anpassen. Oft braucht es gar kein neues Material, sondern einen anderen Blick auf das, was bereits vorhanden ist. Wichtig ist, dass wir die Anforderungen kennen und das Angebot an die Fähigkeiten des Menschen anpassen.
2. Ein Erwachsener ist ein Erwachsener.
Einschränkungen verändern Möglichkeiten, aber nicht die Würde, die Biografie oder den Wunsch nach Selbstbestimmung. Wir sollten Menschen nicht auf ihre Erkrankung reduzieren und ihnen nicht mehr Fähigkeiten absprechen, als tatsächlich verloren gegangen sind.
3. Weniger ist mehr.
Nicht jede Begegnung braucht ein Spiel, eine Übung oder ein ausgearbeitetes Programm. Manchmal ist der wertvollste Beitrag des Hundes tatsächlich, einfach da zu sein – vorausgesetzt, die Situation ist für Mensch und Hund angenehm und passend.
Ich habe mich gefreut, dass auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei waren, die bereits im vergangenen Jahr mein Seminar besucht hatten und sich erneut für einen Seminartag mit mir entschieden haben. Das ist für mich nicht selbstverständlich. Gleichzeitig war es ein schöner Ansporn, neue Inhalte mitzubringen, Bekanntes weiterzudenken und gemeinsam genauer hinzuschauen.
Am Ende geht es mir nicht darum, möglichst viele Materialien zu sammeln oder für jede Situation eine fertige Beschäftigung parat zu haben. Es geht darum, die Menschen zu sehen, mit denen wir arbeiten, ihre Fähigkeiten ernst zu nehmen und Angebote so zu gestalten, dass sie zu ihnen passen.
Und wenn dabei ein Spiel ein bisschen größer, eine Aufgabe ein bisschen einfacher oder ein Angebot deutlich weniger aufwendig wird, ist das kein Rückschritt.
Es ist oft genau die Anpassung, die es braucht.
