Ein Einblick in meine „Hunderunde“

Schon bei der Begrüßungsrunde merke ich, dass mein Gismo heute ein Herr Ungeduld ist. Als er dann zum zweiten Mal das Leckerli ohne Absprache mit mir aus der Hand der Bewohnerin nimmt, wird es mir zu bunt.
„Meine Damen und Herren, so geht das nicht, wir müssen jetzt eine Runde Hundeschule einschieben“.

Ich habe eine sehr demente Gruppe. Es kann also sein, dass die Hand geöffnet ist, ich einen Keks für den Hund hineinlege und die Hand sogar für Gismo in der richtigen Position liegt – aber der Bewohner noch gar nicht wahrgenommen hat, dass ein Keks in seiner Hand liegt. Und auch nicht, dass mein Hund direkt vor ihm steht und auf diesen Keks wartet. Ich brauche also Zeit dafür, die Aufmerksamkeit des Bewohners in die aktuelle Situation zu holen und sie ihm begreiflich zu machen.
Das kann ich nicht, wenn mein Spring-ins-Feld das Leckerli aus der Hand klaut. Das ist zwar frech-niedlich und die Bewohner lächeln (als hundeaffine Bewohner erschrecken sie auch nicht, wenn ein Keks aus der Hand gemopst wird), aber es ist nicht zielführend. Und mein Ziel ist die Förderung von Aktivität, Mobilität und Selbstwirksamkeit.

Ich habe also mein komplettes Programm über den Haufen geworfen. „Wir machen jetzt Hundeschule“.
Der Bewohner, der an der Reihe ist, bekommt einen Keks in die Hand. Er darf das Kommando „Warte“ sagen (unterstützt durch meine an Gismo gerichtete Körpersprache, die ihm ebenfalls vermittelt, zu waren). Dann darf der Bewohner entscheiden, wann er „Nimm’s“ sagt und Gismo sich den versprochenen Keks holen darf (unterstützt durch eine Handgeste von mir). Nicht nur eine Herausforderung für meinen Hund, vor allem für die Bewohner!

Erst nach ca. 2 Wiederholungen pro Bewohner ist der Ablauf klar: „Warte“ – „Nimm’s“. Aber WANN sagt man „Warte“ und wann sagt man „Nimm’s“? Diese Entscheidung ist für die Bewohner das schwierigste. Viele nehmen Blickkontakt zu mir auf: Was ist angemessen?
Es sind Momente, in denen ganz viel nonverbale Kommunikation stattfindet. Ich gebe mit meiner Mimik Hilfestellung, vermittle aber auch: Sie entscheiden! Der Bewohner gewinnt an Sicherheit und ich kann meine Hilfestellung immer weiter reduzieren. Er konzentriert sich auf den Hund. Und auf seine Hand. „Warte“ …. „Nimm’s“.

Selbstwirksamkeit. Für die Bewohner bedeutet diese Übung: Ich entscheide! Ich bin wichtig! Ich kann dem Hund etwas beibringen.

Ich kann mich im Verlauf der Stunde immer mehr zurücknehmen und lediglich kleine, körpersprachliche Impulse in Richtung meines Hundes senden. Ich unterstütze nur. So unauffällig wie möglich: Hauptakteur sind meine Bewohner!

Und die habe ich selten so konzentriert, wach und fokussiert gesehen. Wie sie völlig in dem Moment versunken sind. Ich bin immer noch sprachlos.

Nach 2 Durchgängen pro Teilnehmer sind Gismo und ich platt. Für mich und meinen Hund bedeutet diese vermeintlich kleine Übung: Völlige Konzentration auf den jeweiligen Bewohner. Für Gismo Geduld, abfragen, Körpersprache eines anderen Menschen lesen, genau zuhören. Für mich bedeutet es beobachten (Mensch und Hund), einschätzen, unterstützen, laufenlassen, Hund kontrollieren, Zeichen geben. Wie intensiv diese vermeintlich kleine Übung ist, hatte ich anders eingeschätzt.

Zum Abschied spenden die Bewohner Applaus. Unsere Stunde scheint nachzuwirken. Beim Zurückbringen auf die Station höre ich, wie eine Bewohnerin zu meiner Kollegin sagt: „Das ist so schön etwas mit dem Hund zu machen“. Eine andere erzählt von ihrem Schäferhund, der auch aufs Wort gehört hat. Gismo ist platt. Es ist auch für ihn viel, so intensiv mit dieser schwierigen Klientel in Kontakt zu gehen. Seinen anschließenden Entspannungsspaziergang hat er sich redlich verdient!