Emotionen im Hundetraining

– Warum dein Stolz deinem Hund Flügel verleihen kann

Oder auch: Will er nicht oder traut er sich nicht?

Dank meiner Ausbildung zum Hundetrainer entdecke ich den Futterbeutel als tolle Beschäftigungsmöglichkeit wieder. Mit meinen Elos Bruno und Gismo habe ich schon immer gerne gefutterbeutelt, meine unsichere Ronja war leider oft außen vor. Gedanken wie: „Der Hund hat Angst“, „Das ist ihm zu viel“, „Er möchte das nicht“ – sind mir also nicht unbekannt. Und ja, Ronja ist prinzipiell kein Hund, der eine Beschäftigungsmöglichkeit braucht. Aber im Umgang mit dem Futterbeutel steckt ganz viel Potential für Entwicklung von Selbstvertrauen, Mut und Kooperation mit dem Menschen.

Dank Ronja (und jetzt auch Berti) darf ich lernen, wie toll ein gemeinsames Hobby ist. Und wie wichtig dabei die eigene Emotion ist. Denn statt der Angst, meine unsichere Hündin zu überfordern, versuche ich ein Mutmacher für sie zu sein: „Ich bin bei dir. Du schaffst das. Ich glaube an dich.“

Wenn Emotionen zum Trainingswerkzeug werden

Von selbst würde Ronja den Beutel niemals ins Maul nehmen. Zu groß ihre Hemmung, zu scheu im Umgang mit Menschen, zu viel Skepsis, im Fokus meiner Aufmerksamkeit zu sein. Aber interessant ist dieses Teil mit den leckeren Schmackies schon. Und genau da komme ich ins Spiel. Während Ronja sich gerne in die Sicherheit des Rückszugs begibt, darf ich genau das verhindern. Die Alternative? Meine Haltung, die sagt: „Du schaffst das! Du bist großartig!“

Dabei ist wichtig, genau zu dosieren. Nicht zu viel Aufregung oder Druck. Das richtige Timing, bei der Bestätigung. Eine echte, ernste Aufmunterung. Ein bisschen „sich zum Kapser machen“. Mein eigenes Lockersein auf meine Hündin übertragen. Und dann kommt der Moment, in dem Ronja – und auch andere unsichere Hunde – aufzublühen. Sie richtigen sich auf, werden mutiger und wagen plötzlich Dinge, die vorher undenkbar schienen.

Sie erleben: Mein Mensch freut sich über mich. Mein Mensch sieht mich. Mein Mensch glaubt an mich.

Und ich kann dir versichern: Wenn ein ängstlicher Hund so einen tollen Schritt schafft, dann ist deine Freude und dein Stolz echt!

Die Kunst der kleinen Schritte

Die Gradwanderung dabei ist allerdings schwierig. Denn es geht nicht darum, einen unsicheren Hund zu überreden oder ihn unter Druck zu setzen. Im Gegenteil.

Wir müssen sehr genau hinschauen und die winzigen Momente erkennen:

  • den Blick zum Futterbeutel,
  • die Gewichtsverlagerung nach vorne,
  • den ersten vorsichtigen Schritt,
  • die kleine Idee im Kopf des Hundes.

Genau diese Gedanken und Ansätze dürfen wir formen und feiern. Jeder noch so kleine Schritt ist ein Erfolg. Der Hund lernt dadurch: Mein Mut wird gesehen. Und er lernt auch: „Die Welt ist gar nicht so schlimm, wie ich dachte.“

Der Hund beginnt, sich selbst anders zu erleben. Seine Welt wird größer und bunter und er kann sie mit allen Sinnen genießen, anstatt in steter Anspannung zu sein. Der Hund erlebt sich als jemand, der etwas schaffen kann – mithilfe seiner Bezugsperson.

Und dieses Gefühl trägt weit über den eigentlichen Trainingsmoment hinaus.

Aber geht es nicht auch ganz formal?

Natürlich. Man kann viele Dinge hervorragend über einen Klicker und sauber aufgebaute Trainingsschritte erarbeiten. Das ist ein legitimer und oft sehr erfolgreicher Weg. Gerade bei stabilen, sicheren Hunden funktioniert ein eher formaler Aufbau wunderbar.

Es kommt immer auf deinen Hund und dein Trainingsziel an. Bei unsicheren Hunden kann das Mitschwingen und Mitfreuen enorm Sicherheit geben und helfen. Andere Hunde drehen hoch, werden aufgeregt, können nicht mehr richtig nachdenken. Wie immer im Hundetraining ist alles individuell.

Und wenn du sehr exakt und unabhängig von dir arbeiten möchtest, dann ist ein formales Training sogar besser. Wenn du an Mut und Bindungsaufbau arbeiten möchtest, dann darfst du dir deine Emotionen „erlauben“.

Nicht jeder Hund braucht die emotionale Begleitung in derselben Intensität. Und nicht jeder Mensch trainiert auf dieselbe Weise.

Wenn Bindung wachsen darf

Ich bin ein Fan davon, wenn Menschen sich mit ihren Hunden freuen. Wenn man – gerade als Erwachsener – in die Emotion geht und diese zulassen kann. Wenn da Leichtigkeit ist, statt Überbehütung, Sorge oder Ehrgeiz. Negativen Gefühlen sind wir Erwachsene oft näher, als positiven. Doch mithilfe der Hunde können wir lernen, wieder in die Leichtigkeit und Freude zu gehen.

Probiere es doch einmal aus.

Denn auf eine lustige, leichte, freudige Art lernt dein Hund nicht nur ein neues, gemeinsames Hobby kennen.

Er lernt:

„Mit meinem Menschen zusammen bin ich mutiger.“

„Mein Mensch sieht mein Potenzial.“

„Ich darf mich ausprobieren und Fehler machen.“

„Die Zeit mit meinem Menschen ist lustig.“

Vielleicht ist genau das eine der größten Kräfte im Hundetraining: Nicht Verhalten zu formen, sondern einem Hund dabei zu helfen, an sich selbst zu glauben.